Thomas von Aquin - Der Wahrheit verpflichtet

Wie schwer es ist, einen Mann der Vergangenheit so zu sehen, wie er in seiner Zeit gelebt und gewirkt hat, weiß jeder, der Geschichte erforscht. Wie hilflos man vor dem Problem steht, ihn und seine Gedanken in unsere Welt zu übersetzen, haben wir alle erfahren, wenn wir versuchen, aus der uns bekannten Geschichte zu lernen. was bedeuten uns, um in einem vertrauten Bereich zu bleiben, Gestalten, die unsere Zeitgenossen waren? Es ist ihnen seltsam ergangen. Sie sind uns irgendwie entrückt, weil sich ihre Taten von ihren Personen gelöst haben, sie sind Allgemeingut geworden. Dies ist die eine Seite. Gleichwohl wissen wir, daß niemand seine Herkunft ganz verleugnen kann, sie ist, ob wir es wollen oder nicht, gegenwärtig. Kein großer Mensch der Vergangenheit ist uns völlig fremd. Menschen haben stets menschlich gelebt, gedacht, gehandelt, gelitten. Freilich wird uns - mit zunehmendem Abstand - weniger interessieren, was sie gedacht und woran sie gelitten haben, sondern wie sie es taten, wie sie ihre Probleme lösten und wie sie sich verhielten.

Vielleicht gilt dies auch für Thomas von Aquin. Lange meinte man, ihm dadurch am besten zu entsprechen, daß man seine Lehre mehr oder minder wörtlich wiederholte. Er wurde zu dem Theologen der Kirche, seine Theologie galt als Norm- und Normaltheologie. Anders gesagt: Man fragte, wie viele Sätze in seinem Werk war seien und, da das angeblich sehr viele oder gar alle waren, machte man aus ihm den verbindlichen Lehrer. Nur wenige wußten, daß man ihm dadurch das Unrecht tat, das Thomas in seinen Tagen vermeiden wollte. Wer die Großen des Geistes konservieren möchte, vergißt sie, auch wenn er sie beständig im Munde führt. Sollen sie noch heute reden, muß man sie auf andere Weise in unser Denken übersetzen.

Die Anfänge

Thomas wurde 1224 oder 1225 als Sohn eines Adligen in Roccasecca in Süditalien geboren. Die Eltern bringen ihn, als er fünf Jahre alt war, zu den Benediktinern von Monte Cassino. Dies geschah nicht nur aus religiösen Gründen, sondern auch in der Hoffnung, er werde einmal als Abt des berühmten Klosters die Position der eigenen Familie stärken. In der traditionsreichen Abtei wird Thomas in die Bildung des christlichen Altertums und des Mittelalters eingeführt. Er lernt Frömmigkeit und Geistigkeit einer in sich geschlossenen klösterlichen Welt kennen, die ihre vornehmste Aufgabe im Bewahren des großen Erbes der Vergangenheit sah.

Infolge der politischen Streitigkeiten zwischen Kaiser und Papst mußte Thomas Monte Cassino 1239 verlassen. Er beginnt seine Studien an der kaiserlichen Universität zu Neapel. Ein erster großer Wendepunkt des Lebens hat begonnen. Thomas kommt vom Land in die Stadt, ja er beginnt von nun an eine "städtische Existenz", wie sie bisher von einem mittelalterlichen Theologen kaum so gelebt wurde. Die Universitäten werden sein Zuhause. Thomas lernt Bücher, Denker und revolutionäre Einflüsse kennen, die bisher unbekannt waren. Das in sich ruhende Weltbild des Mittelalters beginnt sich aufzulösen. Die Universität Neapel ist dafür ein Beispiel. Sie ist die erste von einem Landesherrn gegründete Hochschule mit einem praktischen Ziel: Auf ihr sollen die künftigen Beamten des Reiches herangebildet werden. Noch wichtiger ist dies: Hier herrscht eine Lehr- und Gedankenfreiheit, die es anderswo nicht gab, auch in Paris nicht. Man darf Aristoteles studieren, der sonst überall kirchlicherseits verboten war. Das heißt nicht nur, daß Professoren und Studenten Bücher lesen können, die man ihnen an anderen Orten vorenthielt, weil sie in diesem oder jenem Punkt gefährlich schienen. Das hatte es immer gegeben, aber das Eindringen der Werke des Aristoteles zeigte den Beginn einer neuen Weise zu denken an. Wir verstehen heute die Frage kaum noch, doch für das Mittelalter war es ein großes Problem, ob man als Christ einen Heiden studieren und sich von ihm inspirieren lassen solle. Was haben Ungläubige mit der Offenbarung zu tun? Wird nicht, um es mit einem damals geläufigen Bild zu sagen, der Wein des Evangeliums durch das heidnische Wissen verwässert?

Die Wahrheit der Vergangenheit

Kein Zweifel: Der junge Student Thomas steht in Neapel vor einem Konflikt, der ihn nicht mehr loslassen wird. Darf er der Faszination des Neuen folgen und so die traditionellen Wege der Theologie und Philosophie aufgeben? Ist es erlaubt, der Autoriät der Kirche zu widersprechen? Thomas beginnt zu ahnen, daß es hier - ganz gegen den Augenschein - nicht um ein Entweder - Oder geht, "alt" und "neu" sind "wahr" und "falsch" nicht ohne weiteres zu fassen. Später wird Thomas das Problem mit Worten umschreiben, die jede Generation bedenken sollte. Die antiken Philosophen, so meint er, können nicht gänzlich geirrt haben, denn: "Was von allen einmütig gesagt wird, kann nicht völlig falsch sein. Die falsche Ansicht ist nämlich eine gewisse Schwäche des Verstandes. Fehler, Mängel sind jedoch nur aus Zufall, weil sie nicht in der Richtung der Natur liegen."

Thomas leitet eine fast unbegrenzte Achtung vor denen, die uns in der Wahrheitssuche vorausgingen, ein totaler Bruch mit der Überlieferung ist ihm unvorstellbar. Ja, er macht eine theologische Aussage, die alle Wirklichkeit ernst nimmt und nicht nach den Personen fragt, die sie uns erschließen. "Alles Wahre, von wem es auch gesagt sein mag, ist vom Heiligen Geist, der das natürliche Licht eingießt." Es zählt allein die Kraft des Arguments und nicht die Herkunft dessen, der etwas vertritt; zwischen "heilig" und "profan" fallen die Trennungswände, es gibt nur eine Wahrheit und die ist zugleich "heilig" und "weltlich". Man braucht sie nicht zu taufen, sie zu christianisieren, ihr nicht einen frommen Mantel überziehen, denn sie ist als Wahrheit immer schon christlich, weil sie aus Gott stammt. Thomas weiß sich als Glied einer langen Kette von Wahrheitssuchern, denen jeder Dank schuldet, weil sie alle am Bau der Erkenntnis mitgearbeitet haben. Ohne sie wären selbst die großen Denker der Gegenwart arm, denn auch sie stehen wie Zwerge auf den Schultern der Riesen der Vergangenheit. Nur so sehen diese weiter als jene. Die Menschen helfen sich bei der Suche nach Erkenntnis gegenseitig. Wir finden direkte Hilfe bei denen, die Wahrheit gefunden haben, denn, trägt man alle Elemente aus der Geschichte zusammen, gelangt man zu einer umfassenden Einsicht.

Aber auch die indirekte Unterstützung ist nicht gering zu veranschlagen. Insofern unsere Vorfahren irrten, gaben sie den nachfolgenden Generationen Gelegenheit zur Prüfung, so daß nach gründlicher Untersuchung aller Aspekte die Wahrheit reiner zum Vorschein kommt. Thomas wird nicht müde, auf die Erkenntnisfunktion des Irrtums hinzuweisen, da dieser uns zeigt, daß wir seine Wege nicht noch einmal zu gehen brauchen, und weil das eine große Hilfe bedeutet, schulden wir selbst den irrenden Dank. Darum ist allen, die Philosophie studieren, dringend anzuraten, auch auf die Gegner und Zweifler zu hören. Ja, selbst wenn sie nur oberflächlich geredet haben, sollen wir uns ihnen verpflichtet fühlen, weil sie uns ein Übungsbeispiel für die Wahrheitssuche bieten. Alle geistigen Bemühungen bauen auf der Arbeit der Vergangenheit auf. Zwar macht die menschliche Erkenntnis nur allmähliche Fortschritte, doch das Ergebnis, zu dem man so gelangt, ist beachtlich.

Aus solchen Gedanken sprechen Freude und Dank des Aquinaten gegenüber den Werken der Vergangenheit, die ihm damals zugänglich wurden. Bei diesem allmählichen Fortschreiten ist die Zeit ein "Finder" und "guter Mitarbeiter", zwar nicht so, als täte sie etwas aus sich, sondern in Hinsicht auf das, was sich in der Zeit ereignet. Thomas weiß, daß sich alles Menschliche entwickelt und daß es folglich kein Ende für das Suchen und Denken geben kann. Wahrscheinlich läßt sich von hier aus am besten begreifen, warum sich der Aquinate - gegen die überlieferte Lehre - auf die Seite des Heiden Aristoteles stellte. Es war nicht Neuerungssucht, auch nicht der Wunsch, die eigene Kraft im Widerspruch zum Bestehenden zu erproben, sondern der Respekt vor der ungebrochenen Wahrheitstradition des Abendlandes. Weil sich in Aristoteles Wahrheit fand, übernahm er sie.

Allerdings steht nun auch für Thomas die Kehrseite des Problems fest. Überlieferung kann Quelle der Wahrheit sein, aber sie muß es nicht sein. Ihre jeweilige Prüfung unterliegt der Vernunft, an ihr hat sie sich auszuweisen. Sie ist nicht wahr, weil sie jemand gesagt hat, der sich einst einer großen Autorität erfreute, sondern weil sie der Kontrolle standhält. In wissenschaftlichen Fragen ist, so sagt Thomas ausdrücklich, die Autorität die schwächste Art, etwas zu beweisen, denn hier geht es nicht darum zu wissen, was andere gedacht haben, sondern darum, wie sich die Wahrheit der Dinge verhält. Sie ist alleiniges Kriterium. Das ist die rechte Spannung, die nie aufgehoben werden darf: Man muß die Überlieferung ernst nehmen und zugleich prüfen und relativieren. Weder bloßes Weitergeben führt in der Erkenntnis zum Ziel noch das Gegenteil, der Bruch mit der Tradition. Kritische Distanz zu Vergangenheit und Gegenwart, bei gleichzeitiger Liebe zu ihnen, schafft die Voraussetzungen, unter denen Wahrheit gelingen kann.

Glaube und Wahrheit

Wir sind der Zeit weit vorausgeeilt. In die neapolitanische Studienzeit fällt ein weiteres wichtiges Ereignis. Thomas macht die Bekanntschaft mit dem Orden der Predigerbrüder. Gegen den Widerstand der Familie, die ihn sogar ein Jahr gefangenhält, wird er Dominikaner. Studium und Seelsorge, die der neue Orden miteinander verbindet, müssen eine besondere Faszination auf ihn ausgeübt haben. Das Lehr- und Predigtamt wird das Zentrum seines Lebens, ein anderes Ziel kann er sich kaum vorstellen, so daß er später hohe Ämter und Würden ausschlägt. Ohne Stolz oder Rechthaberei beschreibt er das Wesen seines Ordens so: "Den höchsten Rang unter den Orden nehmen die ein, deren Aufgabe das Lehr- und Predigtamt ist", denn diese Tätigkeiten können nur hervorfließen aus der Fülle der Beschauung. Oder mit der berühmten Formel: "Beschauen und das Geschaute anderen weitergeben." Thomas meint also, in den Menschen sei das Verlangen nach Wahrheit, nach Sinn und Deutung der Welt das tiefste Charakteristikum. Wer ihm dient, übernimmt die vornehmste Arbeit, welche die Kirche zu vergeben hat. Bezeichnenderweise widmet er in seiner theologischen Summe eine Frage dem Lehrenkönnen, die - und das ist für ihn äußerst typisch - ihren Platz im Schöpfungstraktat findet. Das Lehren ist Teilhabe am Schöpfungswerk Gottes, es kommt aus der Kontemplation und führt zur Aktion.

Thomas verläßt 1245 Neapel und geht nach Köln, wo er Schüler des heiligen Albert wird. Auch Albert hatte sich - gegen das ausdrückliche Verbot der Kirche - intensiv mit den großen heidnischen Denkern befaßt. Bei ihm finden wir ebenfalls den Respekt vor der Wahrheit, wo immer sie sich findet, ja, das Denken ist hier auf dem Wege, sich selbständig zu machen. Das Zeitalter der unabhängigen Wissenschaft kündet sich an. Wir ahnen heute kaum noch, wie revolutionär es war, als Albert den folgenden Satz niederschrieb: "In Sachen des Glaubens und der Sitten muß man Augustinus mehr glauben als den Philosophen, wenn beide uneins sind. Aber wenn wir von Medizin reden, halte ich mich diesbezüglich an Galen und Hippokrates, und wenn es um die Natur der Dinge geht, wende ich mich an Aristoteles oder einen anderen, der auf diesem Gebiet bewandert ist." Thomas wird auf diesem Weg weitergehen und ein Ereignis herbeiführen, das zu seinen größten Leistungen zählt und einen Wendepunkt in der abendländischen Geistesgeschichte markiert. Die Philosophie beginnt von Theologie und Überlieferung unabhängig zu werden. Die Philosophie geht aus von der Schöpfung Gottes, sie erkennt durch die Sinne, sie lernt aus Erfahrung, Experiment und Reflexion. Die natürliche Vernunft ist die Grundlage, die alle Menschen, Gläubige und Ungläubige, eint. Die Theologie ist auf sie angewiesen, da nur mit ihrer Hilfe die Glaubenswahrheit recht zur Sprache gebracht werden kann. Die Philosophie ist unter diesem Aspekt "Magd der Theologie", aber dies bedeutet keine Minderung ihres Wertes, ganz im Gegenteil: Ihre Größe besteht darin, von der Theologie in den Dienst genommen zu werden. Sie ist - wie die Theologie - aus Gott, der Quelle aller Wahrheit. Einen wirklichen Gegensatz zwischen beiden kann es daher nicht geben, nur einen scheinbaren, der auf etwaigen Fehlschlüssen der Vernunft beruht. Grenzüberschreitungen sind nach beiden Seiten hin möglich. Sollte die Philosophie eine Glaubenswahrheit leugnen, so ist die Theologie Richterin, doch ist auch der umgekehrte Fall denkbar. Thomas umschreibt ihn so: "Denn die Wahrheit unseres Glaubens wird bei den Ungläubigen zum Gespött, wenn ein mit den nötigen wissenschaftlichen Kenntnissen nicht ausgestatteter Katholik etwas für ein Dogma ausgibt, das in Wirklichkeit keines ist und im Lichte einer streng wissenschaftlichen Prüfung sich als Irrtum erweist." Die Kirche wäre in der Neuzeit gut beraten gewesen, hätte sie sich an den großen Konfliktstellen dieses Satzes erinnert. Gewiß gibt es für Thomas noch nicht die absolut freie, sich selbst überlassene Vernunft, aber der entscheidende Schritt ist getan: Die Vernunft ist eine Größe eigenen Rechts geworden, die Wahrheit unabhängig von Offenbarung und Kirche erkennt. Nichts ist ihr verschlossen, heilige Bezirke gibt es nicht mehr, solange sie sich innerhalb der Reichweite der natürlichen Erkenntnis bewegt. Der Einspruch der Theologie ist an den äußersten Grenzen möglich, aber diese müssen mit Sicherheit erreicht sein. Wie sehr Thomas die Wahrheit über alles ging, mag man einem berühmten Text aus dem Kommentar zum Buche Hiob entnehmen. Er fragt, ob der Hader des Hiob mit Gott nicht gegen dessen Würde sei und von menschlicher Respektlosigkeit zeuge. Darauf antwortet er: "Die Wahrheit ändert sich nicht aus Rücksicht auf die Person: wer daher die Wahrheit spricht, kann nicht besiegt werden, mit wem er auch streite."

Theologie und Heilige Schrift

Im Jahre 1252 kam Thomas nach Paris, ins Zentrum der damaligen Wissenschaft. Zwei Dinge charakterisieren diese Zeit: der Bettelor-denstreit und das Bibelstudium. Gleich nach seiner Ankunft wird er in einen schweren Kampf verwickelt. Die neuen Orden der Franziskaner und der Dominikaner sind für das Mittelalter eine Revolution, sie stürzen die herkömmliche Seelsorge und die Kirchenverfassung um. Mönche, die predigen und an der Universität lehren, hatte es noch nicht gegeben. Der Mönch, so sagte man damals, soll klagen und nicht lehren. Wie der Aquinate die Orden verteidigte, braucht uns hier nicht zu interessieren. Er hätte allen Anlaß gehabt, auf die persönlichen Angriffe ebenso heftig zu reagieren. Er tut nichts dergleichen. Vielmehr legt er die Argumente der Gegner dar, sogar besser, als diese es selbst vermochten, und beantwortet sie sachlich. Das ist für Thomas typisch. Er läßt überall die Sache sprechen, seine eigene Person tritt entsagungsvoll in den Hintergrund. Nirgendwo ein Wort, das uns einen direkten Blick in das Herz dieses Mannes gewährte. Das Werk allein zählt, nicht die Mühen, Enttäuschungen, Verletzungen, die sein Autor erfahren hat. Was hinter ihm steht, muß man erahnen. In die Pariser Zeit fallen eine Reihe von Kommentaren zu verschiedenen Büchern der Heiligen Schrift. Thomas hat, wie wir sahen, von den Heiden gelernt, aber sein Leben ist zutiefst durch die Bibel bestimmt. Die einzige sichere Quelle unseres Glaubens ist das Wort Gottes. Nur die kanonischen Schriften der Apostel haben letzte Autorität, während wir ihren Nachfolgern nur insoweit zustimmen, als sie uns verkünden, was in jenen enthalten ist Wer die heiligen Worte hütet, wird von ihnen behütet, sagt er einmal. Alles andere, Väter und kirchliche Traditionen, sind ihnen zu unterwerfen. Aber Thomas weiß auch, daß die Schrift nicht ohne weiteres klar und eindeutig spricht; sie ist zu deuten in der Gemeinschaft der Glaubenden, in der sie entstanden ist. Gewiß, der Aquinate hat den großen Konflikt zwischen Forschung und traditioneller Lehre, wie er für die Neuzeit typisch geworden ist, nicht gekannt. Bedenkt man jedoch seine Prinzipien hinsichtlich der Unabhängigkeit menschlicher Wahrheitssuche, so ist klar, daß er einer Verharmlosung solider Resultate der Wissenschaft nicht das Wort reden würde.

Mensch und Gott

Im .lahre 1260 kehrt Thomas nach Italien zurück, die fruchtbarste Zeit seines Lebens beginnt. Die beiden Hauptwerke, die theologische Summe und die Summe wider die Heiden, werden in Angriff genommen. Wegen der Fülle der Gedanken und des Stoffes ist es schwer, ihre leitenden Ideen zu bestimmen. Da aber das Verhältnis der Menschen zu Gott das Thema der Theologie ist, seien einige in diese Richtung zielende Bemerkungen gemacht, die die Tendenz der beiden Summen charakterisiere sollen.

Für Thomas wäre der Mensch ein Wesen ohne Sinn, hätte er grundsätzlich keinen Zugang zu seiner letzten Bestimmung. Er hat immer eine Ordnung auf sie hin. doch als Geschöpf steht er in einer Spannung, die er von sich aus nicht lösen kann. Er weiß sich auf das Ganze ausgerichtet, aber er gelangt nur zu einzelnen Objekten, sein Ziel ist ein Eines, und doch bewegt er sich in einer Vielzahl von Dingen, die ihm die tiefste Einheit nicht vermitteln können. Er soll zum absoluten Geist zurückkehren, allein er vermag es nicht aus sich. Die Größe des Menschen besteht in einer paradoxen Spannung. Er kann sich nicht total verwirklichen, er muß seine Vollendung empfangen. Anders gesagt: Seine Erhabenheit liegt darin, daß ihn Gott zum Empfangen befähigt hat. Läßt er sich nicht beschenken, verfehlt er sein Ziel. Er ist ein von Gott gerufenes Wesen, auch wenn er den letzten Schritt aus sich nicht tun kann. Der Mensch ist also in seiner Wurzel religiös, in ihm liegt eine zu Gott einladende Urbewegung, ein Sinn für Gott. Er hat immer schon, noch vor aller Offenbarung, ein Bedürfnis nach Gott. Er sucht ihn überall, wenn er erkennen will, auch wenn er nicht weiß, daß er es tut. Er ist in beständiger Unruhe, nichts Endliches kann sein Verlangen stillen. Solche Urtendenz bindet sich an kein spezielles Organ, weder an das Herz noch an das Gefühl, es ist im Menschen, insofern er ist. Alle Dinge streben danach, mit Gott verähnlicht zu werden.

Dies geschieht auf tiefste Weise im Erkennen, denn die Wahrheit ist nach Thomas letzter Sinn und letztes Ziel der gesamten Schöpfung, Die menschliche Denkbewegung ist aus sich unendlich, doch niemand kann die Seligkeit aus sich erreichen. Dem Auslangen muß ein Sichniederneigen Gottes in der Offenbarung entsprechen, aber diese ist - und daraufkommt es an -, wiewohl neu und ungeschuldet, doch nicht fremd, sondern uns so innerlich, daß wir uns dieses Inneseins erst bewußt werden, wenn wir gläubig geworden sind.

Die Offenbarung

Die Theologie nimmt für Thomas ihren Ausgang in der Tatsache, daß Gott sich uns geoffenbart hat. Ihre Notwendigkeit wird mit der Hinordnung des Menschen auf ein Ziel begründet, das die Fassungskraft der Vernunft schlechthin überschreitet. Ehe wir handeln, müssen wir wissen, woraufhin das zu geschehen hat und was wir anstreben. Das gilt für jeden menschlichen Akt, insbesondere aber für das letzte Ziel. Wenn nun dieses letzte Ziel, das als Wahrheit bestimmt wird, der Vernunft unzugänglich ist, obschon es. will der Mensch zu seiner eigentlichen Bestimmung gelangen, vorher erkannt sein muß. so ist die Erschließung dieser Wahrheit notwendig. In Hinsicht auf Gott gibt es Wahres, das die Fähigkeit unseres Verstandes schlechthin übersteigt, so etwa die göttliche Dreifaltigkeit und Einheit. Möglich ist der Vernunft nur, wie die durch das natürliche Licht geleiteten Philosophen zeigen, die Erkenntnis der Existenz und Einheit Gottes.
Daß eine solche Begrenzung tatsächlich vorliegt, läßt sich streng beweisen. Das Prinzip der Wissenschaft ist die Erkenntnis des Wesens der Dinge. Auf Gott angewandt, heißt das: Zur Erfassung seiner Wesenheit ist der menschliche Verstand auf natürliche Weise unfähig, denn im gegenwärtigen Leben beginnt alle Erkenntnis mit den Sinnen. Was nicht unter die Sinne fällt, bleibt demnach unerkannt. Nun kann das Sinnenfällige seiner Natur nach unseren Intellekt nicht zur Erkenntnis des Wesens der göttlichen Substanz führen, da die Wirkungen nicht die Kraft der Ursachen erreichen. Diese Ansicht ist umso begründeter, als wir täglich die Unzulänglichkeit unseres Erkennens erfahren, insofern wir nicht einmal die meisten Eigentümlichkeiten der Sinnendinge wissen. Auch für jene Wahrheiten, die an sich erkennbar sind, ist die Offenbarung angemessen, weil der Zugang zu ihnen außerordentlich erschwert ist, denn an ihrer Erforschung sind sehr viele gehindert. Es bedarf dazu großer Anstrengungen und langer Zeit. Das der reinen Vernunft überlassene Menschengeschlecht bliebe in tiefer Finsternis, aus der sich nur wenige befreien könnten - und selbst das unter Beimischung zahlreicher Irrtümer.

Daraus folgt: Feste Gewißheit und reine Wahrheit über göttliche Dinge ist nur über den Weg des Glaubens möglich. Aus dieser Angemessenheit wird eine strenge Notwendigkeit, wenn es um die letzte Bestimmung des Menschen geht. Da seine Seligkeit in der übernatürlichen Schau besteht, gelangt er zu ihr nur unter der Voraussetzung, daß er von Gott als seinem Lehrer lernt. Anders gesagt: Für die beseligende Schau ist der Glaube an Gott Bedingung. Der Geist muß zu Höherem berufen werden, er muß seinen Erfahrungsbereich überschreiten, damit er lerne, das zu wünschen, das zu erstreben, was über dem gesamten Zustand des gegenwärtigen Lebens liegt. Der entscheidende Grund für die Notwendigkeit der Offenbarung ist also die Tatsache, daß allein der Glaube zur beseligenden Schau führt.


Wie wir bereits sahen, liegt für Thomas das letzte Ziel des Universums in der Wahrheit, ihr gilt seine Arbeit und Leidenschaft. In einem
Einleitungskapitel zur Summe wider die Heiden hat er uns ein schönes Zeugnis für den konkreten Vollzug der Wahrheitssuche hinterlassen, das uns wie wenige andere einen Blick in die Wünsche und Absichten des Aquinaten gewährt.

Aufgabe des Weisen ist es, die letzten Ursachen zu betrachten, den Ursprung aller Wahrheit. Unter allen Beschäftigungen des Menschen nimmt das Studium der Weisheit den ersten Rang ein. Es schenkt eine Vollkommenheit, die nur ihm eigen ist, denn wer sich ihm widmet, hat jetzt schon Anteil an der wahren Glückseligkeit. Thomas ist also überzeugt, daß die Wahrheitssuche dem Menschen ein Stück jener Vollendung gewährt, die in der ewigen Gottesschau ganz offenbar sein wird. Wie keine andere Tätigkeit verschafft sie uns Zugang zur Ähnlichkeit mit Gott, "der alles in seiner Weisheit gemacht hat" (PS 104,24). Jene Ähnlichkeit ist, so fährt er fort, Ursache der Liebe, und deshalb verbindet uns das Studium durch Freundschaft mit Gott.

Wer sich auf die Weisheit einläßt, wird ihren Nutzen erfahren, da sie den Eintritt in das Reich der Unsterblichkeit vermittelt.
Thomas beschließt seine Besinnung über Rang und Wert des Studiums mit einem Schriftwort:
"Denn der Umgang mit ihr (der Weisheit) hat nichts Bitteres, und das Zusammenleben mit ihr bringt nicht Verdruß, sondern Frohsinn und Wonne" (Sap 8,16).

Das gesamte Werk des Aquinaten durchzieht eine große Leidenschaft für die Wahrheit und ein ungebrochener Optimismus, der Mensch könne sie erreichen, aber am Ende seines Lebens verstummt er wie viele bedeutende Denker. Am Fest des heiligen Nikolaus (6. Dezember 1273) hat er während der Messe ein Erlebnis, das ihn bis in die Tiefe der Seele erschüttert. Er brach die Arbeit mitten im Bußtraktat der theologischen Summe ab. Den Mitbrüdern, die ihn ratlos nach dem Grund des Schweigens fragten, sagte er: "Ich kann nicht mehr, denn alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein."


Quelle:
Ulrich Horst OP (Autor) 
Herausgeber ist die Katholische Kirchenstiftung St. Kajetan (Theatinerkirche)
Salvatorplatz 2a, 80333 München

Empfohlene Literatur

Heinzmann, R. Thomas von Aquin. Eine Einführung in sein Denken. Mit ausgewählten lateinisch-deutschen Texten, Urban-Taschenbücher 447, Verlag Kohlhammer Stuttgart-Berlin-Köln 1994

Thomas von Aquin als Seelsorger. Drei kleine Werke (herausgegeben und übersetzt von F. Hoffmann und A. Kulok), Benno-Verlag Leipzig 1998

Torrell, J.-P., Magister Thomas. Leben und Werk des Thomas von Aquin, Verlag Herder Freiburg-Basel-Wien 1995

Weisheipl, J., Thomas von Aquin. Sein Leben und seine Theologie, Verlag Styria Graz-Wien-Köln 1980

Wilhelm von Tocco. Das Leben des heiligen Thomas von Aquino, erzählt von Wilhelm von Tocco, und andere Zeugnisse zu seinem Leben (übertragen und eingeleitet von W.-P. Eckert), Patmos-Verlag Düsseldorf 1965