Georg Steins
Das Lesewesen Mensch und das Buch der Bücher
Zur aktuellen bibelwissenschaftlichen Grundlagendiskussion

Das Lesewesen Mensch und das Buch der Bücher

Wer über die Auslegung der Bibel in der Kirche nachdenkt, sieht sich in ein nicht leicht zu überschauendes Gelände versetzt: Nicht nur der biblische Text stellt mit seinem Anspruch, Heilige Schrift zu sein, eine große Herausforderung dar. Es wollen zudem die Auslegungstraditionen in Judentum und Christentum ebenso berücksichtigt werden wie gegenwärtige Theoriebildungen in den Philosophien, Kulturwissenschaften und Theologien und die praktischen Erfordernisse der Gemeinden. In diesem schwierigen Feld stehen die, die über die Aufgabe der Bibel-auslegung nachdenken, jedoch nicht allein. Daß schon Mose, der biblische Erz-hermeneut (vgl. Ex 20, 19), Probleme mit der Schriftauslegung hatte, gibt eine hintersinnige Erzählung des Talmud zu bedenken:

"Rabbi Jehuda sagte im Namen Raws: Als Mose in die Höhe stieg, traf er den Heiligen, gepriesen sei er, dasitzen und Kränze (oder Kronen) für die Buchstaben winden. Da sprach er zu ihm: Herr der Welt, wer hält dich zurück (die Weisung ohne diese Zusätze zu geben)? Er erwiderte: Nach vielen Generationen wird ein Mann sein namens Aqiba ben Joseph; er wird der einst über jedes Häkchen Haufen über Häufen von Lehren vortragen. Da sprach er vor ihm: Herr der Welt, zeige ihn mir. Er erwiderte: Wende dich um. Da wandte Mose sich um und setzte sich hinter die achte Reihe (in Aqibas Lehrhaus); er verstand aber ihre Unterhaltung nicht und war darüber bestürzt. Als jener zu einer Sache gelangte, worüber seine Schüler ihn fragten, woher er dies wisse, erwiderte er ihnen, dies sei eine Mose am Sinai überlieferte Lehre. Da wurde Mose beruhigt."

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